Junger Mann hängt aus dem Autofenster

November 2007

Aufbauseminare für Fahranfänger


Gib Gummi, Alter!


Endlich den ersehnten Führerschein in der Tasche? Jetzt heißt es für viele Fahranfänger Gas geben und austesten, was der Wagen so hergibt. Doch Vorsicht: Wer in der Probezeit bei Verkehrsverstößen erwischt wird, muss nicht nur zahlen und kassiert Punkte in Flensburg. Zusätzlich ist Nachsitzen angesagt.


Nachsitzen? Das heißt in diesem Fall an einem Aufbauseminar für Fahranfänger teilnehmen. Das muss jeder, der während seiner zweijährigen Probezeit bei einem A oder zwei B-Verstößen erwischt wird. Nach dem Verstoß flattert ein Brief von der Fahrerlaubnisbehörde ins Haus. Ab dann bleiben sechs Wochen Zeit, sich eine Fahrschule zu suchen, die solche Aufbauseminare anbietet. Außerdem verlängert sich die Probezeit auf vier Jahre. Ärgerlich.

„Macht- und Imponiergehabe“

Fahrschullehrer Wolfgang Schwarz von der Academy Fahrschule Schwarz in Wiesbaden bietet solche Seminare an. Er kennt seine Pappenheimer: „95 Prozent der Teilnehmer sind männlich. Die paar Mädchen, die herkommen, sind höchstens aus Versehen über eine rote Ampel gefahren. Jungs haben so ein Macht- und Imponiergehabe – die fahren auch mal extra zu schnell, nur um anzugeben.“

Wolfgang Schwarz erzählt von zahlreichen Verkehrssündern, die keinerlei Reue zeigen. „Wir hatten mal einen, der war statt 100 km/h satte 240 km/h gefahren. Als er das dann in der ersten Sitzung erzählte, hat er richtig damit geprahlt. So nach dem Motto ,Da hab' ich mal ordentlich Gas gegeben’.“

„Als säße ich noch mal in der Prüfung“

So ein Aufbauseminar kostet nicht nur Zeit und Nerven, es erleichtert auch den Geldbeutel – und zwar um 150 bis 400 Euro. Sinn und Zweck der ganzen Mühe: Die Teilnehmer sollen endlich lernen, dass sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer Verantwortung tragen. Schließlich gefährden sie die ja auch mit ihrem Fahrstil. Jeder, der im Aufbaukurs sitzt, muss deshalb eine Fahrprobe abliefern, die von zwei anderen Teilnehmern beobachtet und bewertet wird. Damit soll ein kritischer Blick für das eigene und das Fahrverhalten anderer entwickelt werden.

Svenja hat das schon hinter sich und ist froh, dass es vorbei ist. „Als die beiden anderen da auf der Rückbank saßen und ich wusste, die beobachten mich die ganze Zeit, das war schon ein übles Gefühl. Ich kam mir vor, als säße ich noch einmal in der Fahrprüfung. Und als ich dann dran war mit Beobachten und Kritisieren, hab' ich's ganz schön genau genommen. Da fielen mir an den anderen Sachen auf, die ich bei mir selbst nie bemerkt hätte.“

„Die reinste Psychoanalyse“

Neben der praktischen Fahrüberprüfung gehört auch wieder ein theoretischer Unterricht zum Programm der Aufbauseminare für Fahranfänger. Viermal 135 Minuten dauert so ein Kurs insgesamt. In den Theoriesitzungen wird aber nicht einfach der Stoff aus der normalen Führerscheinausbildung wiederholt. „Ich kam mir hier vor wie in der Psychoanalyse“, erinnert sich David. „Da wurde mein gesamter Tagesablauf auseinandergenommen. Was beim Autofahren alles eine Rolle spielt, hätte ich echt nicht gedacht.“ Wer seinen Tag zum Beispiel schon beim Aufstehen griesgrämig beginnt, wer Ärger mit den Eltern hatte oder eine Absage für eine Lehrstelle bekommen hat, steigt schlecht gelaunt ins Auto und überträgt seine Aggression oft auf den Straßenverkehr. Emotionen gehören aber nicht ins Auto und man muss lernen, sie im Griff zu haben: Das ist das Fazit der dritten Doppelstunde.

David gehört zu den Verkehrssündern, die Reue zeigen: „Kaum raus aus der Fahrschule und glücklich über den Führerschein, saß ich schon wieder drin und musste büffeln – und das bei schönstem Sommerwetter draußen.“


„Manchen sind die Inhalte völlig egal“

„Geringe Fahrpraxis, Selbstüberschätzung und generelle Risikofreude“, sind laut Wolfgang Schwarz die Hauptgründe dafür, dass junge Fahrer besonders unfallgefährdet sind. Er hält die Aufbauseminare für sehr sinnvoll und ist der festen Überzeugung, dass sie in der Mehrzahl der Fälle Erfolg zeigen. „Die meisten Fahranfänger nehmen aus unseren Seminaren wirklich etwas mit. Aber es gibt immer den ein oder anderen, der nur die Bescheinigung haben will. Solchen Leuten ist es völlig egal, was wir hier machen. Einen haben wir gleich zu Anfang aus dem Kurs geschmissen. Der hat nur geschimpft, er sehe das alles nicht ein. Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst. Wer so redet, wird sich auch nicht bessern“, ist sich der Fahrlehrer sicher.

Wo gibt es Aufbauseminare?
Nicht jede Fahrschule bietet Aufbauseminare für Fahranfänger an. Der Grund: Die Fahrlehrer brauchen dafür eine extra Qualifikation als Moderatoren. Aber jede Fahrschule kann Auskunft darüber geben, wo man in der Stadt ein Aufbauseminar besuchen kann. Auf www.fahrschulen.de lassen sich Fahrschulen nach Ort und Postleitzahl suchen. Klickt man rechts auf ASF (Nachschulung) werden nur Schulen angezeigt, die Aufbauseminare anbieten.






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drei junge Männer im Auto
(c) DVR




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