Titel next, Ausgabe Oktober 2006

Oktober 2006

Gewalt am Arbeitsplatz: Gedemütigt und angemacht

Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz haben ganz unterschiedliche Facetten: Körperliche Angriffe und Handgreiflichkeiten zählen ebenso dazu wie Demütigungen, verbale Anmache und Beleidigungen. Das alles hat überall dort eine Chance, wo andere wegschauen, es an Mut und Selbstvertrauen fehlt, sich zu wehren oder für andere einzustehen.

Gemobbt und gedemütigt


Michael wollte die Welt umarmen, als er die Zusage für seinen Ausbildungsplatz zum Koch in dem angesehenen Sterne-Restaurant bekam. Zunächst ließ sich alles gut an, auch wenn er sich von Anfang an über den rüden Umgangston wunderte. „Ich dachte, bei den Kollegen hängt vielleicht der Haussegen schief, dass die immer so schlecht drauf sind“, erzählt der mittlerweile 19-Jährige. „Aber es wurde nicht besser.“ Im Gegenteil: Statt ihm das Kochen beizubringen, deckte man ihn mit Hilfsarbeiten ein. Und wenn er seinen Meister darauf ansprach, bekam er zu hören, er solle „bloß das Maul halten“. Stellte er Fragen, wurde er als Idiot tituliert. Man drohte ihm, „seine Fresse in die Friteuse zu stecken“. Besonders ein Kollege hatte sich auf Michael eingeschossen, seine Angriffe und Demütigungen häuften sich und bekamen System. So wurde er jeden Tag vor den Kollegen runtergemacht und beleidigt. Der Ausbilder sah weg – wie alle anderen auch. Michaels Eltern schalteten sich ein und wandten sich an die Geschäftsführung, die jedoch das Ganze abtat: „Lehrjahre sind halt keine Herrenjahre. Ihr Sohn ist vielleicht etwas empfindlich.“ Dass seine Beschwerden nicht ernst genommen wurden, fand Michael besonders frustrierend. „Ich musste erst mit dem Anwalt kommen, ehe sich etwas besserte“, erklärt der junge Mann, dessen Anwalt gerichtlich durchsetzen konnte, dass Michael seine Abschlussprüfung in einem anderen Betrieb ablegen darf.

Angemacht und angefasst


Ihren Chef fand die 22-jährige Susanne seit Beginn etwas seltsam. Wollte er doch von Anfang an geduzt werden und begrüßte sie, wie alle Kolleginnen, morgens stets mit Küsschen. Dann fing er an, sie mit „Mausi“ oder „Hasi“ anzusprechen. „Hatte ich etwas Kurzärmeliges an, streichelte er mir ungefragt über den Arm und meinte:
‚Schön, gehende Zahntechnikerin im Forum von „Doktor Azubi“, einem Internetangebot der Gewerkschaftsjugend. Einmal stellte er sich ganz nah hinter sie und hauchte ihr in den Nacken. Da nahm sie allen Mut zusammen und machte ihm klar, dass sie eine gewisse Distanz brauche und auch nicht Mausi oder Hasi heiße. „Er hat nur blöd gelacht, mir über den Rücken gestrichen und gesagt, ich müsse körperlicher werden.“ Solche und noch krassere Vorfälle kamen regelmäßig vor. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, wendet sich die junge Frau verzweifelt an „Doktor Azubi“. Dort rät man ihr, sich zu wehren. Auch wenn das vielleicht bedeute, den Ausbildungsplatz zu wechseln und den Chef gegebenenfalls sogar anzuzeigen.

Getreten und geschlagen


2003 wurde an einer Berufsschule in Hildesheim ein 17-Jähriger von gleichaltrigen Mitschülern über Monate hinweg gequält. Sie traktierten ihn mit Faustschlägen und Tritten, ließen ihn Zigarettenkippen kauen, sich nackt ausziehen und fesselten ihn mit Kabelbindern. All das nahmen sie auf Video auf, um es im Internet zu verkaufen.

"Suchen Sie sich Verbündete!"

Die Beispiele machen deutlich: Gewalt und Diskriminierung haben ganz unterschiedliche Facetten. Und sie haben überall da eine Chance, wo andere wegschauen, es an Mut und Selbstvertrauen fehlt, sich zu wehren oder für andere einzustehen. Der Psychologe und Konfliktberater Eberhard Fehlau bringt es auf den Punkt: "Ganz wichtig ist es, die Nerven zu behalten, rechtzeitig,Nein' zu sagen und die Grenzen aufzuzeigen. Und wenn alles nicht hilft, sich Verbündete zu suchen. Denn: ,Allein machen sie dich ein'."



« zurück [1] [2] weiter »  | Übersicht

Zum Anfang der Seite springen
 


 
Druckversion
Diese Seite empfehlen

 
Diesen Text kannst du übrigens auch als PDF-Dokument herunterladen.
Die thematisch passende UnterrichtsHilfe findet sich hier.

 

Gewalt – was ist das?


Juristisch gesehen ist Gewalt, wenn jemand einen anderen bewusst körperlich verletzt, absichtlich eine Sache zerstört, die einem anderen oder der Allgemeinheit gehört (zum Beispiel eine Parkbank).
Psychologen gehen weiter und sagen, Gewalt ist auch alles, was einen Menschen seelisch verletzt, also zum Beispiel Mobbing. Dabei ist die Wahrnehmung des Betroffenen entscheidend: Gewalt ist, was jemand als Übergriff empfindet.




Home  |  Sitemap  |  Kontakt  |  Impressum  | Textversion