Bohmte

Rücksicht statt Regeln

Gemeinde schafft Verkehrsschilder ab

22.03.2007 - „Man muss den Verkehr gefährlicher machen, damit er sicherer wird.“ Das sagt kein Betrunkener am Stammtisch, sondern ein Fachmann für Verkehrsplanung. Der Niederländer Hans Monderman betreut das EU-Projekt "Shared Space". Das niedersächsische Bohmte nimmt als einzige deutsche Kommune an dem Projekt teil und will in zwei Jahren im Zentrum ganz ohne Verkehrszeichen auskommen.

„Wenn man nicht genau weiß, was man machen muss, sucht man Augenkontakt, wird man vorsichtig“, sagt Monderman. Bei einem Besuch der Bremer Straße in Bohmte wird deutlich, was der Verkehrsplaner meint. Autos und Laster passieren ununterbrochen die Straße. Die Bremer Straße ist die Hauptverkehrsader in Bohmte. Die Gemeinde zwischen Osnabrück und Ostwestfalen hat 13.000 Einwohner. Genauso viele Fahrzeuge passieren täglich den Ort, darunter mehr als 1.000 Lastwagen. Die Bürgersteige zu beiden Seiten sind nur schmal. Fußgänger halten sich vor den Geschäften und Wohnhäusern an der Hauptverkehrsstraße kaum auf. "Es wird nicht flaniert, ganz einfach, weil es keinen Spaß macht", sagt ein Geschäftsmann.

Da der Durchgangsverkehr als Standortfaktor aber wichtig für Bohmte ist, soll die Durchfahrt erhalten bleiben, der Verkehr jedoch "menschlicher" werden. Die Gemeinde setzt auf Rücksicht statt Regeln. Ziel ist es, den Menschen den Verkehrsraum zurückzugeben. Im Sommer lässt die Kommune ein Teilstück der Bremer Straße einheitlich rot pflastern. Bürgersteige, Zebrastreifen, Ampeln und Verkehrsschilder werden verschwinden. Damit wird die Trennung zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern aufgehoben. Die Verkehrsteilnehmer sollen miteinander in Kontakt treten. Die Geschwindigkeiten sollen sinken. In spätestens zwei Jahren soll das Zentrum Bohmtes ampel- und schilderfrei sein.

Bei Geschwindigkeiten unter 40 Stundenkilometern seien die Menschen im Stande, „ihre Probleme selbst zu lösen“, erläutert Hans Monderman, der "Shared Space" begründet hat. „Damit fließt der Verkehr besser, wir haben weniger schwere Unfälle, und die Leute benehmen sich anständiger.“ Dafür sei die Regel "rechts vor links" völlig ausreichend. „Die Leute müssen sich selbst wieder mehr Verantwortlichkeit für ihr Benehmen zumuten“, sagt Monderman. „Dazu müssen diese Entwürfe immer auch ein bisschen Risiko spürbar machen, was die Leute zuerst nicht gerne mögen.“ Er habe dieses Prinzip in den Niederlanden bereits in mehr als 100 Orten getestet, stets habe es sich bewährt. Lediglich ein kleiner Teil der älteren Menschen habe zunächst Probleme, sich an das neue System zu gewöhnen.

Im Bereich der Bremer Straße in Bohmte verlaufen Schulwege. Ein Kindergarten befindet sich in der Nähe. Deshalb habe es anfangs Bedenken in der Bevölkerung gegeben, sagt Bürgermeister Klaus Goedejohann. Viele Kritiker sind aber verstummt, nachdem die Gemeinde ihre Bürger in die Planung einbezogen und Informations-Busreisen in die Niederlande veranstaltet hatte, um zu zeigen, wie „Shared Space“ dort bereits funktioniert.

20 Millionen Verkehrsschilder gibt es in Deutschland, alle 28 Meter eines. Zu viele, das meint auch das Bundesverkehrsministerium. Eine Vielzahl der Schilder sei entbehrlich.
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