Kreuz am Straßenrand

Notfallseelsorger im Einsatz

Ein Unfalltod hinterlässt tiefe Wunden

Als Wolfgang B. (Name geändert) an diesem Morgen von der Rettungsleitstelle verständigt wird, weiß er, dass er zu keinem einfachen Einsatz gerufen wird. Aber welcher Einsatz ist für einen Notfallseelsorger schon einfach? Der 67-Jährige soll einer Mutter die Nachricht überbringen, dass ihre 15-jährige Tochter in der Nacht bei einem Verkehrsunfall getötet wurde. Vier junge Leute waren zusammen mit dem Wagen auf der Bundesstraße unterwegs. Aus ungeklärter Ursache war das Fahrzeug ins Schleudern geraten, von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Zwei Personen wurden schwer, eine leicht verletzt. Das Mädchen erlitt jedoch so schwere Verletzungen, dass es sofort tot war.

Zusammen mit zwei Polizistinnen fährt der ausgebildete Psychotherapeut zur Wohnung der Mutter. Er muss sehr sensibel vorgehen, denn die Identität des getöteten Mädchens ist nicht zweifelsfrei geklärt, denn das Unfallopfer hatte keine Papiere bei sich. Das Gesicht des Mädchens wurde so entstellt, dass es auch nicht anhand eines Fotos identifiziert werden kann. Wolfgang B. trägt die gelbe Jacke, mit der er als Notfallseelsorger zu erkennen ist, und bittet die Mutter, sie einzulassen. Eine Grundregel lautet: „Wir überbringen so eine Nachricht niemals an der Tür.“ Wolfgang B. fragt, ob die Tochter zu Hause sei. Nein, sagt die Mutter. Sie versuche sie seit einer Stunde auf dem Handy zu erreichen, aber ihre Tochter gehe nicht ran. Der ehrenamtliche Notfallseelsorger erkundigt sich, was die Tochter am Vorabend anhatte, und fragt nach körperlichen Merkmalen. Nach und nach wird es zur Gewissheit: Die Tote ist die Tochter.

Erschüttert, fassungslos und verstört, reagiert die Mutter der 15-Jährigen. Sie will es nicht wahr haben. Nicht ihre Tochter. Das kann nicht sein. Wolfgang B. lässt ihr Zeit. Manchmal, so seine Erfahrung, braucht es vier bis sechs Stunden, bis er Angehörige nach solch einer Schreckensnachricht wieder verlässt. „Wir gehen nicht dorthin um zu beten. Wir sind als Mensch für die Menschen da“, sagt er. Dann will die Frau wissen, wie es passiert ist. Der 67-Jährige berichtet ihr, was die Polizei aus der Untersuchung des Unfalls weiß. Nach und nach wird die Frau gefasster. Der Seelsorger begleitet die Frau zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter zur Leichenhalle. Die Angehörigen identifizieren die Leiche. Auf Bitten der Mutter spricht der Notfallseelsorger ein Gebet. Dann begleitet er die Angehörigen nach Hause und bleibt bis zum späten Nachmittag, bis es der Mutter besser geht.

Auch bei der Beerdigung des verunglückten Mädchens ist Wolfgang B. anwesend – um da zu sein, wenn er gebraucht wird. Der Unfalltod eines jungen Menschen hinterlässt tiefe Wunden – bei den Angehörigen, bei den Freunden, in den Schulklassen und Ausbildungsbetrieben. Bis sie heilen braucht es Zeit. Viel Zeit und viele offene Ohren.
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